Da gibt es einen Musiker in meiner Wiener Hood. Er ist schon etwas älter, ich schätze, dass der Herr weit über 70 ist. Er wohnt in einer Seitengasse in einem kleinen Mehrparteienhaus hinter einem kleinen, gepflegten Vorgarten.
Abends, wenn ich so meine Runde geh‘, komm ich da gelegentlich vorbei und werde manchmal Ohrenzeuge seiner Musikliebe. Im Sommer spielt er nämlich bei offenen Fenster gerne Querflöte, an manchen Tagen auch Geige. Manchmal gibt er offenbar auch Unterricht und dann fiedeln und querflötieren sich seine Schüler oder Studenten durch Notenblätter und durchfluten den Vorgarten mit klassischer Musik, ein bisschen davon plätschert dann auch auf das kleine Gässchen. Sie sind alle Meister ihres Faches, kein falscher Ton knickt hier auch nur einen Grashalm.
Immer, wenn ich an dem Haus vorbei komme, werfe ich im Vorbeigehen unweigerlich einen kleinen Blick durch die alten Kastenfenster. Meist sind sie offen und man hört seine Liebe zur Musik. Wenn’s kühler ist und die Fenster geschlossen sind, spürt man die Töne, die Leidenschaft, die er in jede Note steckt, welche er mit seinen Fingern in Schwingungen verwandelt, die Herzen höher schlagen lassen.
Unlängst, es war ein sehr lauer Abend, war es still. Ein paar Vöglein machten zwar Musik, aber durch die Gasse kam nichts geigiges oder querflötiges daher. Als ich an seinem Haus ankam, sah ich, dass er neben dem Fenster sitzend Notenblätter studierte.
Er nickte im imaginären Takt mit dem Kopf und bewegte seinen Oberkörper und die Arm wie ein Dirigent. Was muss sich da wohl in seiner Phantasie für ein orchestrales Meisterstück abgespielt haben. Pauken, Trompeten, Geigen und Flöten – ein ganzer Orchestergraben musizierte wohl in seiner Vorstellung beim Lesen der Noten. Ein ohrenbetäubender Anblick.
War es Mozart oder Beethoven? War es sein eigenes Werk? Ich werd’s wohl nie erfahren. Aber eines weiß ich: Ich hätte unheimlich gerne gehört, was sich da in seinem Kopf an Musik abgespielt hat.