„Gleich haut er den Spiegel z’am’!“

Knapp 20 Jahre ist es wohl schon her, als ich im Bellaria-Kino war. Es war ein trüber Samstagnachmittag, einer von der Sorte, an dem man nichts zu tun hat und einfach den Tag auf sich zukommen lässt. Meine Herzdame und ich sind durch die Stadt flaniert, nicht des Shoppens wegen, sondern uns einfach treiben lassend. So wie wir es immer noch gerne machen: Einfach irgendwo starten, frisch drauf los gehen, wenn sich ein kleines Seitengässchen auftut, wird es flugs durchschritten. So entdeckt man da und dort mal die feinsten Kleinode Wiens. Nicht anders war es auch damals, an diesem gar faden Tag. Wir waren eigentlich schon auf der Suche nach einem Café, um uns ein wenig aufzuwärmen. So kamen wir, nach langem Mäandern durch die Stadt, vorm Bellaria an. Der Name war mir ein Begriff. Das Bellaria. Aber ich war noch nie drinnen. Und plötzlich stand ich davor. „Kino?“ Warum nicht? Durch die offenstehende Seitentür konnten wir gestapelte Filmrollenmetallboxen sehen, ein wenig chaotisch wirkte es da drinnen in dem Kabäuschen. Dann der Blick ins kleine Schaufenster. Ich weiß noch, welcher Film da mit einem uralten Filmposter, dessen Ecken mit unzähligen, wie Jahresringe agierenden, Stecknadellöchern patiniert waren, beworben wurde. Darunter stand auf einem weißen Papierstreifen, in leicht krakeliger, aber trotzdem ordentlichen Schrift, die Beginnzeit des heutigen Films. Und diese kam uns zupass. Noch eine Viertelstunde, bis die erste Rolle „Sieben Jahre Pech.“ ihren flackernden Schein auf die Leinwand zaubern durfte. Wir traten ein und die kleine Treppe hinunter. Es empfing uns ein Odeur, das schwer, alt, bieder, modrig, pomadig und trotzdem gemütlich anmutete. Das kleine, feine Foyer wusste zu verzaubern. Wie eine Kulisse spannten sich ein alter Verkaufspult, angegilbte Tapeten, Schwarzweiß-Bilder von den Stars von früher, zierliche Thonet-Sesselchen die sich um runde Kaffeehaustischchen scharten und ein Teppich, über den Generationen von cinephilen Menschen schritten, wie ein wohlig warmer Mantel um uns. „Aschanti-Nüsse und Schartner-Bombe“ – mein Einser-Menü, wenn ich damals im Provinz-Kino war – schoss es mir spontan ein. Ich war angekommen. Kino. An den Tischen war eine kleine, scheinbar eingeschworene Gemeinde versammelt. Sieben, vielleicht acht ältere Damen und Herren, allesamt wohl schon über 70 Jahre, warteten auf den Film, angeregt miteinander sprechend, ohne von uns Notiz zu nehmen. Es entstand in mir der Eindruck, mich mitten in einer alten Filmszene zu befinden. „Zwei Karten, bitte.“ orderte ich und bekam zwei Eintrittskarten gereicht, sie stammten von einer perforierten Endlosrolle, jedes Stück mit einer fortlaufenden Nummer bedruckt. Wir sahen uns um und lauschten, sogen die Szenerie förmlich in uns auf. Aus den Gesprächen ergab sich, dass sich die illustre Runde scheinbar Samstag für Samstag zum cineastischen Jour Fixe traf. Und das bereits über Jahre hinweg. „Was zeigen s‘ denn heute?“ frug die Dame mit Hut etwas schüchtern, sie war elegant gekleidet, saß alleine am Tisch und nippte an ihrer Melange. Scheinbar war es gar nicht so wichtig, welcher Film gespielt wird, das Große und Ganze zählte wohl mehr. Das nette ältere Pärchen am Nebentisch gab freundlich Auskunft und erkundigte sich, wie es ihr denn in den letzten Tagen so ergangen sei. Ein samstäglicher Plausch entspann sich, für außenstehende belanglos, für die Runde hier vielleicht die einzige soziale Interaktion, außerhalb der Familie, so überhaupt eine da war. Es war alles stimmig. Ein unglaubliches Flair – das Bellaria. Meine Herzdame sah mich an und wir mussten kurz schmunzeln, denn wir hatten wohl denselben Gedanken: „Sind wir das in 50 Jahren?“ Eine alte Uhr über der Tür zum kleinen Saal verkündete, dass es bald soweit sein sollte. Das Publikum wurde zur Vorführung gebeten. Und wir betraten alsdann den Kinosaal. Klein, fast wohnzimmeresk wirkte er. Einer scheinbar geheimen Choreographie folgend verteilten sich die Gäste, noch plaudernd, auf ihre Stammplätze, wir setzten uns ganz hinten hin um alles zu überblicken. Wobei, es war keine steil abfallende Arena, wie man sie aus den großen Kino-Centern der Provinz-Citys oder der Megaplexe der Metropolen kennt, in der einem ein riesiger Screen optisch anbrüllt. Nein, eine Leinwand, die ihren Namen noch mit Stolz trägt, leuchtete uns schüchtern den Weg über einen nur sanft abfallenden Saal, der uns Bühne für einen angenehmen Nachmittag sein sollte. Die Sitze waren schon gut eingesessen, abertausende Cellouid-Rollen lange hatten die klappbaren Single-Couches bereits auf dem Buckel, aber trotzdem noch einen großen Rest an Bequemlichkeit behalten. Die seitlichen Leuchten verstummten, das Getuschel wurde leiser, die Spannung stieg. Klappern hinter uns, ein Lichtkegel brachte die müde Leinwand zum Strahlen, abermaliges Klappern und schon tat die erste Rolle ihren Dienst. Hans Moser und Theo Lingen – beständige Garanten für gute Unterhaltung, die einen stets aus der Tristesse des Alltag in eineinhalb Stunden Ablenkung zu entführen vermochten – taten es auch an diesem Tag, sie zauberten kindisches Lachen in die bejahrten Gesichter des Publikums. Die Dame mit dem Hut lebte auf, sie kannte, wie alle anderen auch, diesen Film in- und auswendig. Sie wusste immer schon, was gleich passieren würde und tat dies auch stets kommentierend kund. Es störte keinen. Es gehörte für alle hier scheinbar dazu. Auch die Schlüsselszene des Films hatte sie mit einem beherzten „Gleich haut er den Spiegel z’am’!“ angekündigt und Hans Moser folgte, wie die Dame ihm geheißen.

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Nach 107 Jahren sperrt nun das Bellaria-Kino für immer zu. Ich hoffe, dass es nur für sieben Jahre ist und das Interieur dieser altehrwürdigen Institution nur eine kleines Dornröschen-Nickerchen hält und wieder in neuem, altem Glanz erstrahlen kann.

…and then i see a darkness…

Immer im Herbst kuschle ich mich gern in Melancholie gewordene Musik, die zwar nicht die Stimmung hebt, aber einen spüren lässt. Die obige Nummer macht da ganz schön mit, schuhlöffelt mich in eine Mood aus Modrigkeit und Bräsigkeit, aber keine von der schlimmen Sorte, nein, eine von der gemütlichen. Grad eben hab ich mich wieder in den – darf man das schon so sagen? – Hadern verhört und nach Coverversionen gesucht, deren Will Oldham auch schon ein kleines Händchen voll gemacht hat. Und da blieb ich beim Nino aus Wien hängen. Eine saubere Studioversion erst, aber die räudige, versiffte, übermüdete, angegammelte, ranzige und räudige Interpretation live als Zugabe, die hat mich dann noch mehr gepackt. Einfach schön zu hören:

Der Drang nach Sturm.

Sturm. Drang.


Ein Satz – zwei Bedeutungen.
Herbst ist es. Endlich. Da verspürt man schon mal gern den Drang nach dem einen oder anderen Glaserl frischen Sturm, dem herrlichen, zart prickelnden Getränk, nicht mehr Saft, aber auch noch nicht Wein. Doch der Sturm, kaum getrunken, drängt alsbald und es kommt stürmisch ein gewisser Drang. Und da sind wir schon bei der zweiten – sehr dringlichen – Bedeutung von:
Der Drang nach Sturm.