Die Sonne scheint. Der Garten ruft. Der Christoph folgt. Und der findet ein paar wunderschöne Federn im Frühlingsgrase liegen. Schon drehen sich die Räder und man fragt man sich natürlich, wem da wohl das Fell über die Ohren gezogen worden ist. Ganz so freiwillig rupf man sich ja nicht am Gefieder. Außer natürlich, der Vogel hat einen ordentlichen Vogel oder sich über irgendwas dermaßen außerordentlich geärgtert, dass es zum Haareraufen kam, was dann aus anatomischen Gründen eben so enden musste. Also hab ich kundige Freunde des Geflatters konsultiert und die haben mir alsbald berichtet, dass die Zeichnung der Federn typisch und eindeutig zuzuordnen wäre. Und da war ich dann doch auch ein bisschen baff. Weil, ich mein‘, an Farben ist da nicht viel los. Weiß und Schwarz. Wobei Schwarz ja im Grunde keine Farbe ist, Schwarz ist lediglich die Abwesenheit von Licht. Andere Meister der Farbenlehre wiederum zählen Weiß und Schwarz und alle Graustufen dazwischen zu den „unbunten“ Farben. Unbunt also. Aha. Ach ja, wegen meiner Baffigkeit: Die Vogelkundler sind sich einig, dass es sich hier um Federn eines BUNTspechts handelt.
Klingt paradox. Ist es auch. Aber genau das war die einzige Lösung, um enorme Spannung aus einer verzwickten Situation zu nehmen. Es war der 9. März 2025. Im Hartberg stand ein Spiel der Fußball-Bundesliga auf dem Programm. SK Rapid Wien war zu Gast und sollte um 17 Uhr auf TSV Hartberg treffen. Das Wetter war schön, das Stadion bis auf den letzten Platz ausverkauft, alles war perfekt angerichtet um den Sonntagnachmittag mit einem fußballerischen Kräftemessen ausklingen zu lassen. Ausgeklinkt haben sich 45 Minuten vor Spielbeginn jedoch die Gehirnwindungen von ein paar Rapid-Fans, die mit der Einlasskontrolle der Polizei nicht ganz zufrieden waren. Was exakt passiert ist, ist nicht lückenlos bekannt. Jedenfalls sind pyroteschnische Gegenstände, Mülltonnen und eine Klotüre (ja, eine „Häusltür“!) in Richtung Polizei geflogen, diese antworte mit Pfefferspray und lies Schlagstöcke sprechen. Es eskalierte, wie man so schön sagt. Eine Dritte Halbzeit war also voll im Gange, noch ehe der Anpfiff erfolgte. Diese erhitzte die Gemüter und sorgte schließlich dafür, dass das Spiel erstmal gar nicht angepfiffen wurde. Denn die heißlaufenden Köpfe eines Teils der Rapid-Fans mussten erst wieder abkühlen. Und das war nicht so einfach. Vertreter des Vereins versuchten beruhigend einzuschreiten, mit mariginalem Erfolg. Schließich gelang es Brigitte Annerl, der Präsidentin des TSV Hartberg, der Vertreterin des Heimvereins, dem Kopf des Gegners des wütenden Mobs, genau diesen wütenden Mob zu beruhigen und dazu zu überreden, sich ordentlich zu verhalten und ein Spiel zu ermöglichen. Das Spiel endete nicht nur auf dem Spielfeld mit einer Niederlage für Rapid. Auch am grünen Filz bekam der Verein eine (wenn auch milde) Abreibung. Als geheime Siegerin des Spiels gilt jedoch Brigitte Annerl. Ihr Team hat gewonnen, sie hat eine verzwickte Situation durch grandioses Verhandlungsgeschick gelöst, sie hat gezeigt, dass eine Frau in einem so genannten „Männersport“ sehr wohl „ihren Mann“ stehen kann. Aber das alles ist nur Beiwerk. Ich feiere Brigitte Annerl für eine Passage in ihrem Interview im Kurier, es sind wunderbare Sätze, die das dumme Geschehen rund um ein Fußballspiel bei weitem überstrahlen:
Neulich war Gschnas im Jugendhaus. Also im neuen. Weil das alte gibt’s ja eh schon bald 20 Jahre nimmer. Und weil die Volksschule vor Jahren aufgelassen worden ist, haben die letzten, die dort noch in die Volksschule gegangen sind, das alte Feuerwehrhaus, das selbst nunmehr dort seine Heimat gefunden hat, wo die alte Volksschule war, adaptiert und zum Jungendhaus umgestaltet, den morschen Schlauchturm umgelegt, frisch rausgefabelt und die Feuerwehrautogarage zum Partyraum ernannt. Charme ist zwar ein kurzes Wort, aber ganz so recht passt lässt es sich dort auch nicht einparken. Aber egal, zum Feiern reicht’s alleweil und außerdem geht’s ja hier ums Gschnas.
Hingehen ist sowieso höchste Pflicht. Nur, wenn man nicht unbedingt der große Verkleidungs-Ultra ist, macht man sich auch keine Gedanken drüber, ob man als Schlumpf oder Obelix geht, weil man ja kein Geld für irgendwelche Kostüme ausgeben will. Trotzdem, so ganz ohne ist es halt dann auch komisch. Und so hab ich halt beim Obstbaumschneiden ein wenig sinniert, wie ich mit wenig Aufwand am letzten Drücker dann doch noch zu einer halbwegsen Maskierung komm‘.
Mitten im Kanada-Renetten-Baum, grad mit einem Rudel Wassertriebe kämpfend, hab ich dann einen Lacher loslassen müssen. Weil ich sowas wie eine Idee gehabt habe. Meiner Rasierfaulheit geschuldet und auch ein wenig grippalmarod, hab ich in den letzten beiden Wochen doch einen feinen Rauschebart angesammelt, der mir von der Dame schon ein paar grummelige Blicke eingebracht hat. Ich mein‘, fürs Home Office tut’s das auch, wenn man sich pflichtbewusst hinter die Tasten klemmt. Dieser stolze Goder-, Lippen und Backenpelz war nun also der perfekte Rohdiamant, aus dem ich plante, mir einen Trucker-Rocker-Triebtäterbart zu schnitzen.
Also dicke Koteletten bis runter zum Kinn, die dann am Unterkieferknochen einen markanten Steg nach vorne bilden, dann kurz vor dem Kinn nach oben abbiegen, rauf zum Mund und in einem zart fasionierten Schnauzer die Vollendung finden. Ein Kunstwerk sollte es werden, ein Stück Bart, der meine herben männlichen Gesichtszüge zart zu umspielen vermag. Also hab ich den Apfelbaum noch fertig rasiert und dann wurde das Werkzeug kleiner, die Thematik der Rasur blieb zwar die selbe, das Projekt selbst wurde dann doch noch um ein Eck größer.
Keine Frage, so eine Gesichtsfrisur muss man mal der Dame erklären. Ihr „Das bleibt aber ned so!“, während ich mein Gesicht aus der angesparten Antlitzschurwolle schälte, konnte ich zwar nicht ganz glaubhaft abwimmeln, aber als sie mich in voller Pracht in der fertigen Montur sah, war es um sie geschehen.
Denn weil so ein Bart allein nix kann, studierte ich mir noch beim Freiflexen der Wangen und des Kinns die fertige Montur zusammen. Als Bandana hatte ich ein, in meinen Augen einstmals als elegant eingestuftes, Halstuch im Sinn, welches ich ihr vor Jahren mal schenkte, sie aber aus unerfindelichen modischen Gründen verschmähte. Den Wanst sollte das grobe Holzfällerhemd umfassen. Die alte schwere Tarvis-Lederjacke, die die Dame lange bevor sie überhaupt Kenntniss von mir erlangte, gerne mal auf Unterhaltungen als Schutzschild trug, sollte dem Narren die entsprechende Kappe aufsetzen. Und das tat sie.
Ihrem Lachen nach zu urteilen, war ich bereits, ohne den Vergleich mit den anderen Gschnasianern, in ihren Augen der größte Narr des Abends. Ich vermute sogar, dass die insgeheim sogar größere Zeithorizonte in Betracht zog. Egal. Perfekt. Gemma.
Kurz noch ein Blick in den Spiegel werfen, ich will ja wissen, wer meine Dame da zum Narrentreiben führt. Und da war ich mir dann spontan unsicher. Sah mich da nun der ehrenwerte Kaiser Franz Joseph I. an, der seinen weißen Backenbart wohl seinerzeit bei mir abgeschaut hat? Oder war’s Lemmy Kilmister, der Mann am Stromruder von Motörhead? Beide wären würdig und recht gewesen. Aber schließlich war’s dann doch ich. Sicher ist sicher.
In Sachen Dienstzeit am Gschnas hab ich dem einen, in Sachen Feiern hab ich dem anderen alle Ehre gemacht. Ganz getreu dem Motto meiner beiden Bart-Bros: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut, ich kann mich nicht an die Zeit erinnern – aber ich werde sie niemals vergessen.“