Die Spur ist noch frisch, keine 20 Minuten alt, ein Rappe, beritten von einem ca. 55-jährigen Volksschullehrer, Linkshänder, hat eine leichte Hüftfehlstellung, ein Glasauge und einen Schnauzbart, er trägt ein Schnürlsamtsakko, gekauft 2011 in Mailand, in seinem Hosensack befinden sich 3 Euro 21 Cent, eine Büroklammer und ein blassgrünes Stofftaschentuch mit den eingestickten Initialen, „FG“, seine Armbanduhr geht leicht vor und hat bei 7 Uhr einen Kratzer, der sich leicht auspolieren ließe, das Schnittlauchflankerl zwischen seinen oberen Schneidezähnen, das ihn schon ein Weilchen beschäftigt, stammt vom Hochbeet neben dem Weg oben am Feldackerweg, auf seinem Android-Handy sind drei ungelesene WhatsApp-Nachrichten, eine davon mit einem halblustigen Osterhasen-Meme, an dieser Stelle hat er sich nach links gedreht, um vier aufgeschreckten Rehen nachzusehen, drei davon weiblich, eines lahmt leider, weiß es aber gut zu kaschieren, er hat vor dem Ausritt einen Espresso getrunken, entkoffeiniert, mit einem Schuss Milch und einem kleinen Würfelzucker, der sich nicht ganz aufgelöst hat, die Siebträgermaschine wartet schon seit mehreren Monaten auf ein Service, seine Lieblingsfarbe ist Dottergelb, aber früher war es Rosa, hat er jedoch niemanden erzählt, er liest gerne alte Jerry-Cotton-Romane, die er immer in Antiquariaten kauft, zuletzt war einer dabei, da war noch ein Heiligenbildchen als Lesezeichen drinnen, er startet seinen Fernseh-Abend immer mit Seite 111, um sich einen Überblick über die Weltlage zu verschaffen, aber mehr kann ich jetzt aus der schwachen Spur hier beim besten Willen nicht herauslesen.
Nachbarskatz‘ und Hasenpfoten, tun viel fressen, noch mehr koten. Morgenservice, Abendkuschel und dazu noch Liebewortgenuschel. Knappst Zeit zwar, aber Freudenquell auch wenn’s draußen noch nicht hell. Und Tagsüber dann auch Sorgenfalten, ich überleg noch das mit Haustierhalten.
Die Sonne scheint. Der Garten ruft. Der Christoph folgt. Und der findet ein paar wunderschöne Federn im Frühlingsgrase liegen. Schon drehen sich die Räder und man fragt man sich natürlich, wem da wohl das Fell über die Ohren gezogen worden ist. Ganz so freiwillig rupf man sich ja nicht am Gefieder. Außer natürlich, der Vogel hat einen ordentlichen Vogel oder sich über irgendwas dermaßen außerordentlich geärgtert, dass es zum Haareraufen kam, was dann aus anatomischen Gründen eben so enden musste. Also hab ich kundige Freunde des Geflatters konsultiert und die haben mir alsbald berichtet, dass die Zeichnung der Federn typisch und eindeutig zuzuordnen wäre. Und da war ich dann doch auch ein bisschen baff. Weil, ich mein‘, an Farben ist da nicht viel los. Weiß und Schwarz. Wobei Schwarz ja im Grunde keine Farbe ist, Schwarz ist lediglich die Abwesenheit von Licht. Andere Meister der Farbenlehre wiederum zählen Weiß und Schwarz und alle Graustufen dazwischen zu den „unbunten“ Farben. Unbunt also. Aha. Ach ja, wegen meiner Baffigkeit: Die Vogelkundler sind sich einig, dass es sich hier um Federn eines BUNTspechts handelt.
Klingt paradox. Ist es auch. Aber genau das war die einzige Lösung, um enorme Spannung aus einer verzwickten Situation zu nehmen. Es war der 9. März 2025. Im Hartberg stand ein Spiel der Fußball-Bundesliga auf dem Programm. SK Rapid Wien war zu Gast und sollte um 17 Uhr auf TSV Hartberg treffen. Das Wetter war schön, das Stadion bis auf den letzten Platz ausverkauft, alles war perfekt angerichtet um den Sonntagnachmittag mit einem fußballerischen Kräftemessen ausklingen zu lassen. Ausgeklinkt haben sich 45 Minuten vor Spielbeginn jedoch die Gehirnwindungen von ein paar Rapid-Fans, die mit der Einlasskontrolle der Polizei nicht ganz zufrieden waren. Was exakt passiert ist, ist nicht lückenlos bekannt. Jedenfalls sind pyroteschnische Gegenstände, Mülltonnen und eine Klotüre (ja, eine „Häusltür“!) in Richtung Polizei geflogen, diese antworte mit Pfefferspray und lies Schlagstöcke sprechen. Es eskalierte, wie man so schön sagt. Eine Dritte Halbzeit war also voll im Gange, noch ehe der Anpfiff erfolgte. Diese erhitzte die Gemüter und sorgte schließlich dafür, dass das Spiel erstmal gar nicht angepfiffen wurde. Denn die heißlaufenden Köpfe eines Teils der Rapid-Fans mussten erst wieder abkühlen. Und das war nicht so einfach. Vertreter des Vereins versuchten beruhigend einzuschreiten, mit mariginalem Erfolg. Schließich gelang es Brigitte Annerl, der Präsidentin des TSV Hartberg, der Vertreterin des Heimvereins, dem Kopf des Gegners des wütenden Mobs, genau diesen wütenden Mob zu beruhigen und dazu zu überreden, sich ordentlich zu verhalten und ein Spiel zu ermöglichen. Das Spiel endete nicht nur auf dem Spielfeld mit einer Niederlage für Rapid. Auch am grünen Filz bekam der Verein eine (wenn auch milde) Abreibung. Als geheime Siegerin des Spiels gilt jedoch Brigitte Annerl. Ihr Team hat gewonnen, sie hat eine verzwickte Situation durch grandioses Verhandlungsgeschick gelöst, sie hat gezeigt, dass eine Frau in einem so genannten „Männersport“ sehr wohl „ihren Mann“ stehen kann. Aber das alles ist nur Beiwerk. Ich feiere Brigitte Annerl für eine Passage in ihrem Interview im Kurier, es sind wunderbare Sätze, die das dumme Geschehen rund um ein Fußballspiel bei weitem überstrahlen:
Neulich war Gschnas im Jugendhaus. Also im neuen. Weil das alte gibt’s ja eh schon bald 20 Jahre nimmer. Und weil die Volksschule vor Jahren aufgelassen worden ist, haben die letzten, die dort noch in die Volksschule gegangen sind, das alte Feuerwehrhaus, das selbst nunmehr dort seine Heimat gefunden hat, wo die alte Volksschule war, adaptiert und zum Jungendhaus umgestaltet, den morschen Schlauchturm umgelegt, frisch rausgefabelt und die Feuerwehrautogarage zum Partyraum ernannt. Charme ist zwar ein kurzes Wort, aber ganz so recht passt lässt es sich dort auch nicht einparken. Aber egal, zum Feiern reicht’s alleweil und außerdem geht’s ja hier ums Gschnas.
Hingehen ist sowieso höchste Pflicht. Nur, wenn man nicht unbedingt der große Verkleidungs-Ultra ist, macht man sich auch keine Gedanken drüber, ob man als Schlumpf oder Obelix geht, weil man ja kein Geld für irgendwelche Kostüme ausgeben will. Trotzdem, so ganz ohne ist es halt dann auch komisch. Und so hab ich halt beim Obstbaumschneiden ein wenig sinniert, wie ich mit wenig Aufwand am letzten Drücker dann doch noch zu einer halbwegsen Maskierung komm‘.
Mitten im Kanada-Renetten-Baum, grad mit einem Rudel Wassertriebe kämpfend, hab ich dann einen Lacher loslassen müssen. Weil ich sowas wie eine Idee gehabt habe. Meiner Rasierfaulheit geschuldet und auch ein wenig grippalmarod, hab ich in den letzten beiden Wochen doch einen feinen Rauschebart angesammelt, der mir von der Dame schon ein paar grummelige Blicke eingebracht hat. Ich mein‘, fürs Home Office tut’s das auch, wenn man sich pflichtbewusst hinter die Tasten klemmt. Dieser stolze Goder-, Lippen und Backenpelz war nun also der perfekte Rohdiamant, aus dem ich plante, mir einen Trucker-Rocker-Triebtäterbart zu schnitzen.
Also dicke Koteletten bis runter zum Kinn, die dann am Unterkieferknochen einen markanten Steg nach vorne bilden, dann kurz vor dem Kinn nach oben abbiegen, rauf zum Mund und in einem zart fasionierten Schnauzer die Vollendung finden. Ein Kunstwerk sollte es werden, ein Stück Bart, der meine herben männlichen Gesichtszüge zart zu umspielen vermag. Also hab ich den Apfelbaum noch fertig rasiert und dann wurde das Werkzeug kleiner, die Thematik der Rasur blieb zwar die selbe, das Projekt selbst wurde dann doch noch um ein Eck größer.
Keine Frage, so eine Gesichtsfrisur muss man mal der Dame erklären. Ihr „Das bleibt aber ned so!“, während ich mein Gesicht aus der angesparten Antlitzschurwolle schälte, konnte ich zwar nicht ganz glaubhaft abwimmeln, aber als sie mich in voller Pracht in der fertigen Montur sah, war es um sie geschehen.
Denn weil so ein Bart allein nix kann, studierte ich mir noch beim Freiflexen der Wangen und des Kinns die fertige Montur zusammen. Als Bandana hatte ich ein, in meinen Augen einstmals als elegant eingestuftes, Halstuch im Sinn, welches ich ihr vor Jahren mal schenkte, sie aber aus unerfindelichen modischen Gründen verschmähte. Den Wanst sollte das grobe Holzfällerhemd umfassen. Die alte schwere Tarvis-Lederjacke, die die Dame lange bevor sie überhaupt Kenntniss von mir erlangte, gerne mal auf Unterhaltungen als Schutzschild trug, sollte dem Narren die entsprechende Kappe aufsetzen. Und das tat sie.
Ihrem Lachen nach zu urteilen, war ich bereits, ohne den Vergleich mit den anderen Gschnasianern, in ihren Augen der größte Narr des Abends. Ich vermute sogar, dass die insgeheim sogar größere Zeithorizonte in Betracht zog. Egal. Perfekt. Gemma.
Kurz noch ein Blick in den Spiegel werfen, ich will ja wissen, wer meine Dame da zum Narrentreiben führt. Und da war ich mir dann spontan unsicher. Sah mich da nun der ehrenwerte Kaiser Franz Joseph I. an, der seinen weißen Backenbart wohl seinerzeit bei mir abgeschaut hat? Oder war’s Lemmy Kilmister, der Mann am Stromruder von Motörhead? Beide wären würdig und recht gewesen. Aber schließlich war’s dann doch ich. Sicher ist sicher.
In Sachen Dienstzeit am Gschnas hab ich dem einen, in Sachen Feiern hab ich dem anderen alle Ehre gemacht. Ganz getreu dem Motto meiner beiden Bart-Bros: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut, ich kann mich nicht an die Zeit erinnern – aber ich werde sie niemals vergessen.“
Ich bin ja meiner Heimat treu. Als Pendler bestehen zwischen meinem Arbeitsort Wien und meinem Heimatort Kleinpetersdorf nicht nur knapp 130km Wegstrecke, sondern auch eine große Anziehungskraft. Und die treibt mich manchmal auch dazu, den Pendel in den Süden nicht per Auto, sondern per Bus schwingen zu lassen. Was in Sachen Zeitmanagement dann doch ein wenig mehr Disziplin einfordert. Weil: Der Bus fährt zu gewissen, streng festgelegten Zeiten und nicht dann, wann’s mir beliebt. Aber das nimmt man gern in Kauf, wenn man dem Norden entfliehen will. So tat ich das denn auch gestern. Ich eilte in eiligster Eil gen Matzleinsdorfer Platz, eh schon knappest in der Zeit (Um ehrlich zu sein, war ich mindestens 5 Minuten zu spät dran.) und wuchtete Köfferechen und Rucksäckchen samt meinem Korpus die Triester Straße rauf, hin zur Bushaltestelle. Und dort traf zeitgleich mit mir – also so gesehen eigentlich eh pünktlich – der B01 ein. Der B01, falls das wer nicht weiß, ist quasi die öffentlicher Verkehr gewordene doppelstöckige Lebensader pendelnder Südburgenländer:innen, der heilige Bus, der im stündlichen Takt die Brücke zwischen Hauptstadt und Herzensort schlägt und wenn’s sein muss, auch wieder zurück. Die Tür geht auf. Des Fahrers freche „Glück g’habt.“ hab ich mit einem „Du warst im Stau. I war im Stau. So gleicht sich alles wieder aus.“ elegant gekontert, das Ticket um wohlfeile €30,30 grad noch in die Hosentasche bugsiert und schon ließ er den B01 die Triester rauf, dass es Köfferchen, Rucksäckchen und meinen Korpus im engen Stiegenaufgang ordentlich hin und her wandelte, als wäre ich eine Flipperkugel in einem Slingshot-Labyrinth. Auch eine Art dem frechen Fahrgast „Is‘ scho‘ recht.“ zu sagen. Klar, die Logenplätze in der ersten Reihe waren schon vergeben. Aber eine Reihe dahinter sank ich auf die zweitbesten Plätze nieder. So schlecht dann auch wieder nicht. So weit, so gut. Als aber dann mein geliebtes Kleinpetersdorf näher und näher kam, kamen dann am Fahrgastraumfahrstreckeninformationsbildschirm die demnächst angefahrenen Stationen in mein Blickfeld und es entfuhr mir ein Lacher. Ich mein‘, wie kann man da denn auch anders. Treue Mitleser:innen werden sofort wissen, warum. Aber werfen wir erstmal einen Blick auf den erwähnten Screen:
Mein zweitliebster Ort, den ich hier schon ein paar mal erwähnen musste, hat mal wieder meine Synapsen Feuerwerk spielen lassen: Kleinzicken. Dieses Dorf hat es einfach in sich. Irgendwie hat’s da was. Denn mir offenbarte sich die nächste Unausgewogenheit. Dass der Ort keinen Groß-Bruder hat, hab ich ja schon mal lang und breit besprochen. Das geht ja noch als ein skurilles Alleinstellungsmerkmal durch. Und dass Kleinzicken in Sachen Straßennamen-Vergabe eine „Untere“ aber keine „Obere“ Dorfstraße hat, mag gewisse Ungereimtheiten und Unschärfen im Zusammenwirken mit Kleinpetersdorf haben. Aber dass man den Kleinzickner:innen die geringe geographische Ausdehnung dermaßen subtil aufs Auge drücken muss, indem man ihnen die einzige Busstation, mit der die Ansässigen ihr Auslangen finden müssen, einfach despektierlich als „Kleinzicken Süd“ bezeichnet, ohne ein entsprechendes „Kleinzicken Nord“ – im Burgenland ist man „Ost“ und „West“ ja eh nicht gewohnt – am Fahrplan zu haben, das ist dann auch irgendwie gemein.
Mit Lamm ein Genuss. Mit Kalb ein Zungenschnalzer. Mit Huhn auch sehr fein. Aber die Welt der Kulinarik schreit immer wieder nach was Neuem. Rurale Feinspitze und urbane Gourmets aufgepasst: ein neuer Trend scheint sich hier anzubahnen. Ich bin gespannt.