Lemmy Franz Joseph

Neulich war Gschnas im Jugendhaus. Also im neuen. Weil das alte gibt’s ja eh schon bald 20 Jahre nimmer. Und weil die Volksschule vor Jahren aufgelassen worden ist, haben die letzten, die dort noch in die Volksschule gegangen sind, das alte Feuerwehrhaus, das selbst nunmehr dort seine Heimat gefunden hat, wo die alte Volksschule war, adaptiert und zum Jungendhaus umgestaltet, den morschen Schlauchturm umgelegt, frisch rausgefabelt und die Feuerwehrautogarage zum Partyraum ernannt. Charme ist zwar ein kurzes Wort, aber ganz so recht passt lässt es sich dort auch nicht einparken. Aber egal, zum Feiern reicht’s alleweil und außerdem geht’s ja hier ums Gschnas.

Hingehen ist sowieso höchste Pflicht. Nur, wenn man nicht unbedingt der große Verkleidungs-Ultra ist, macht man sich auch keine Gedanken drüber, ob man als Schlumpf oder Obelix geht, weil man ja kein Geld für irgendwelche Kostüme ausgeben will. Trotzdem, so ganz ohne ist es halt dann auch komisch. Und so hab ich halt beim Obstbaumschneiden ein wenig sinniert, wie ich mit wenig Aufwand am letzten Drücker dann doch noch zu einer halbwegsen Maskierung komm‘.

Mitten im Kanada-Renetten-Baum, grad mit einem Rudel Wassertriebe kämpfend, hab ich dann einen Lacher loslassen müssen. Weil ich sowas wie eine Idee gehabt habe. Meiner Rasierfaulheit geschuldet und auch ein wenig grippalmarod, hab ich in den letzten beiden Wochen doch einen feinen Rauschebart angesammelt, der mir von der Dame schon ein paar grummelige Blicke eingebracht hat. Ich mein‘, fürs Home Office tut’s das auch, wenn man sich pflichtbewusst hinter die Tasten klemmt. Dieser stolze Goder-, Lippen und Backenpelz war nun also der perfekte Rohdiamant, aus dem ich plante, mir einen Trucker-Rocker-Triebtäterbart zu schnitzen.

Also dicke Koteletten bis runter zum Kinn, die dann am Unterkieferknochen einen markanten Steg nach vorne bilden, dann kurz vor dem Kinn nach oben abbiegen, rauf zum Mund und in einem zart fasionierten Schnauzer die Vollendung finden. Ein Kunstwerk sollte es werden, ein Stück Bart, der meine herben männlichen Gesichtszüge zart zu umspielen vermag. Also hab ich den Apfelbaum noch fertig rasiert und dann wurde das Werkzeug kleiner, die Thematik der Rasur blieb zwar die selbe, das Projekt selbst wurde dann doch noch um ein Eck größer.

Keine Frage, so eine Gesichtsfrisur muss man mal der Dame erklären. Ihr „Das bleibt aber ned so!“, während ich mein Gesicht aus der angesparten Antlitzschurwolle schälte, konnte ich zwar nicht ganz glaubhaft abwimmeln, aber als sie mich in voller Pracht in der fertigen Montur sah, war es um sie geschehen.

Denn weil so ein Bart allein nix kann, studierte ich mir noch beim Freiflexen der Wangen und des Kinns die fertige Montur zusammen. Als Bandana hatte ich ein, in meinen Augen einstmals als elegant eingestuftes, Halstuch im Sinn, welches ich ihr vor Jahren mal schenkte, sie aber aus unerfindelichen modischen Gründen verschmähte. Den Wanst sollte das grobe Holzfällerhemd umfassen. Die alte schwere Tarvis-Lederjacke, die die Dame lange bevor sie überhaupt Kenntniss von mir erlangte, gerne mal auf Unterhaltungen als Schutzschild trug, sollte dem Narren die entsprechende Kappe aufsetzen. Und das tat sie.

Ihrem Lachen nach zu urteilen, war ich bereits, ohne den Vergleich mit den anderen Gschnasianern, in ihren Augen der größte Narr des Abends. Ich vermute sogar, dass die insgeheim sogar größere Zeithorizonte in Betracht zog. Egal. Perfekt. Gemma.

Kurz noch ein Blick in den Spiegel werfen, ich will ja wissen, wer meine Dame da zum Narrentreiben führt. Und da war ich mir dann spontan unsicher.
Sah mich da nun der ehrenwerte Kaiser Franz Joseph I. an, der seinen weißen Backenbart wohl seinerzeit bei mir abgeschaut hat? Oder war’s Lemmy Kilmister, der Mann am Stromruder von Motörhead? Beide wären würdig und recht gewesen. Aber schließlich war’s dann doch ich. Sicher ist sicher.

In Sachen Dienstzeit am Gschnas hab ich dem einen, in Sachen Feiern hab ich dem anderen alle Ehre gemacht. Ganz getreu dem Motto meiner beiden Bart-Bros: „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut, ich kann mich nicht an die Zeit erinnern – aber ich werde sie niemals vergessen.“

Nordalarm

Ich bin ja meiner Heimat treu. Als Pendler bestehen zwischen meinem Arbeitsort Wien und meinem Heimatort Kleinpetersdorf nicht nur knapp 130km Wegstrecke, sondern auch eine große Anziehungskraft. Und die treibt mich manchmal auch dazu, den Pendel in den Süden nicht per Auto, sondern per Bus schwingen zu lassen. Was in Sachen Zeitmanagement dann doch ein wenig mehr Disziplin einfordert. Weil: Der Bus fährt zu gewissen, streng festgelegten Zeiten und nicht dann, wann’s mir beliebt. Aber das nimmt man gern in Kauf, wenn man dem Norden entfliehen will.
So tat ich das denn auch gestern. Ich eilte in eiligster Eil gen Matzleinsdorfer Platz, eh schon knappest in der Zeit (Um ehrlich zu sein, war ich mindestens 5 Minuten zu spät dran.) und wuchtete Köfferechen und Rucksäckchen samt meinem Korpus die Triester Straße rauf, hin zur Bushaltestelle. Und dort traf zeitgleich mit mir – also so gesehen eigentlich eh pünktlich – der B01 ein. Der B01, falls das wer nicht weiß, ist quasi die öffentlicher Verkehr gewordene doppelstöckige Lebensader pendelnder Südburgenländer:innen, der heilige Bus, der im stündlichen Takt die Brücke zwischen Hauptstadt und Herzensort schlägt und wenn’s sein muss, auch wieder zurück.
Die Tür geht auf. Des Fahrers freche „Glück g’habt.“ hab ich mit einem „Du warst im Stau. I war im Stau. So gleicht sich alles wieder aus.“ elegant gekontert, das Ticket um wohlfeile €30,30 grad noch in die Hosentasche bugsiert und schon ließ er den B01 die Triester rauf, dass es Köfferchen, Rucksäckchen und meinen Korpus im engen Stiegenaufgang ordentlich hin und her wandelte, als wäre ich eine Flipperkugel in einem Slingshot-Labyrinth. Auch eine Art dem frechen Fahrgast „Is‘ scho‘ recht.“ zu sagen. Klar, die Logenplätze in der ersten Reihe waren schon vergeben. Aber eine Reihe dahinter sank ich auf die zweitbesten Plätze nieder. So schlecht dann auch wieder nicht.
So weit, so gut.
Als aber dann mein geliebtes Kleinpetersdorf näher und näher kam, kamen dann am Fahrgastraumfahrstreckeninformationsbildschirm die demnächst angefahrenen Stationen in mein Blickfeld und es entfuhr mir ein Lacher. Ich mein‘, wie kann man da denn auch anders. Treue Mitleser:innen werden sofort wissen, warum. Aber werfen wir erstmal einen Blick auf den erwähnten Screen:

Mein zweitliebster Ort, den ich hier schon ein paar mal erwähnen musste, hat mal wieder meine Synapsen Feuerwerk spielen lassen: Kleinzicken.
Dieses Dorf hat es einfach in sich. Irgendwie hat’s da was. Denn mir offenbarte sich die nächste Unausgewogenheit. Dass der Ort keinen Groß-Bruder hat, hab ich ja schon mal lang und breit besprochen. Das geht ja noch als ein skurilles Alleinstellungsmerkmal durch. Und dass Kleinzicken in Sachen Straßennamen-Vergabe eine „Untere“ aber keine „Obere“ Dorfstraße hat, mag gewisse Ungereimtheiten und Unschärfen im Zusammenwirken mit Kleinpetersdorf haben.
Aber dass man den Kleinzickner:innen die geringe geographische Ausdehnung dermaßen subtil aufs Auge drücken muss, indem man ihnen die einzige Busstation, mit der die Ansässigen ihr Auslangen finden müssen, einfach despektierlich als „Kleinzicken Süd“ bezeichnet, ohne ein entsprechendes „Kleinzicken Nord“ – im Burgenland ist man „Ost“ und „West“ ja eh nicht gewohnt – am Fahrplan zu haben, das ist dann auch irgendwie gemein.

Entakkuen!

Heute rann mir das Wörtchen „Entakkuen“ aus den Fingern.

Ja, das könnte eine kleine nordfinnische Provinz sein, die keine besonderen Persönlichkeiten hervorgebracht hat, abgesehen von einem angeblichen Sauna-Pionier, der sich aber eh als Schwindler entpuppt hat.

Aber: Nein, dem ist nicht so. Nicht dass es diese Provinz nicht gibt, ich hab das nicht überprüft. Und ob die dort einen Sauna-Pionier haben oder hatten, wenn es sie den gäbe, hab ich auch nicht nachgeforscht. Drum kann ich auch nicht sagen, ob der ein Schwindler ist oder war.

„Entakkuen“ hat mit Finnland nichts zu tun. Denke ich mal. Ob’s den Begriff im Finnischen gibt, da bin ich überfragt und ich will mir gar nicht vorstellen, was er denn bedeuten mag. Da ist mir meine Phantasie viel zu suspekt, lieber nicht drüber nachdenken. Gott bewahre.

Wobei, „Entakkuen“ könnte auch in Finnland ein Thema werden. Oder sogar schon sein. Und das nicht nur dort, sondern – im Grunde genommen – überall auf der Welt. Auch dort, wo man Finnland vielleicht nicht gleich auf Anhieb auf der Landkarte findet.

Also zurück nach Entakkuen. Ähm nein, zurück zum Wörtchen „Entakkuen“. Darum geht’s ja hier. Es rann mir nämlich aus den Fingern, weil ich ein wenig erbost darüber war, was einer ehemaligen Kollegin widerfahren ist. Verstörend, ja fast angsteinflößend, was sich da zugetragen hat.

Es war nämlich so, dass im Zuge meiner Sudereien über die hiesigen Haushaltsgerätschaften ein Kurzbericht der oben erwähnten Dame erfolgte, dass auch Sie mit allerlei Unbill, ausgehend von diversen Helferleins zu hadern hat. Und das auf äußerst bedrohliche Art und Weise.

Sie gab nämlich zu Protokoll, dass sie lieber Fersengeld gegeben hätte, jetzt aber schmerzhaft Lehrgeld geben muss, weil sie ersteres nicht bereit war, zu investieren. So rächen sich halt manchmal die Tugenden der Moderne.

Ihre Nachricht, dass ihr, liebevoll „Staubtrottel“ genanntes, elektronisches Haustierchen sie in die Wade gebissen hat, sorgte bei mir erst für Entsetzen, dann jedoch besann ich mich und versuchte beratenderweise eine sinnvolle Erziehungsmethode einzustreuen, die da lautete:

Entakkuen!

Wenn’s beim Waschen staubt.

Am Nachmittag bin ich auf mein emotionales Kryptonit gestoßen.
Es ist unser Staubsauger. Ein, an sich, unscheinbarer Kerl.
Aber er hat’s in sich.
Nichts, aber auch gar nichts, außer der Staubinger, lässt mir Begrifflichkeiten aus dem Munde stauben, deren Existenz ich in meinem Wortschatz nie und nimmer vermutet hätte.
Dem Kampf mit ihm, der ver*****en Kabelaufrollfunktion, dem d*******n Schlauch und anderen Ungereimtheiten kaum beendet, glitt ich einem entspannten Abend entgegen.

Die Staubsaugerärgernebelschwaden haben sich kaum gelegt, da meldet sich die Waschmaschine Aufmerksamkeit heischend und lautschwach zu Wort, indem sie ihrerseits den Betrieb eingestellt hat.
Nix dreht mehr.
Aber Pech gehabt, Waschbärchen.
So schnell bringst du mich nicht ins Schleudern.
Mich nicht.
Bin ja keine Waschmaschine.
Und du kein ver******er Staubsauger.
Morgen wird’s ernst.
Schnall dich an.
Morgen reite ich mit dem Schraubenzieher (ich weiß, ich weiß) ins Bad und dann wringe ich dir die Flausen aus.