Where The Streets Have Now Names

Vor kurzem habe ich hier meinem Nachbardorf Kleinzicken ein paar Zeilen gewidmet. Geschuldet war dies der Tatsache, dass der Ortsname eine kleine Kuriosität in sich birgt, die dann wie ein kleines Juwel zutage tritt, wenn man sich ein wenig näher damit beschäftigt. Seitdem ist jede Menge Wasser die Zicken runter geronnen, das Geheimis über den Verbleib von Großzicken hat sich aber noch nicht lösen lassen. Aber ich verspreche, dass ich da dran bleibe.

In der Zwischenzeit hat sich aber wieder einiges getan. Denn der zusammengewachsene Ortsverband Kleinpetersdorf-Kleinzicken wurde einer gnadenlosen und umwälzenden Reform unterworfen, die das Ortsbild doch massiv verändert hat. Es gibt nämlich neuerdings Straßenbezeichnungen. Vorbei die Zeit, in der es einem beim Hören von „Where The Streets Have No Name“ nicht nur die Gänsehaut aufzieht, sondern über diese auch noch ein gerüttelt Maß Heimatgefühle drübergestreut wurde. Aus der Traum, dass U2 mal beim Zickenwirt im Saal konzertieren. Eine vergebene Chance. Unwiderbringlich.

Wie in einer Großstadt hat jetzt jedes auch noch so kurze Wegeblinddärmchen einen eigenen Namen, das kürzeste bietet gar nur drei Hausnummern eine Heimat, wobei von den frisch nummerierten Parzellen nur eine bebaut ist. So kommt es nun, dass in Kleinzicken, das bis Ende Feber (der Kalendergott hat es mit dem Schalttag ja noch gut gemeint und der alten Haus- und Straßenordnung noch einen Tag spendiert) am Hausnummern-Highscore-Haus noch ein stolzes 65 prangte, dieses nun in seiner Gasse auf Nummer 15 runterdegradiert wurde. Aber als Gegenleistung verfügt Kleinzicken sage und schreibe über sieben mal Hausnummer 1. Auch nicht schlecht für ein Dörflein, das man in einer halben Minute mit dem Auto passieren kann.

Das Kuriosum, das mit der neuen Straßenbenamsung jetzt dazugekommen ist, kommt einem eben bei der Fahrt durch die beiden Orte unter. Denn die vermeintliche Hauptstraße des Dorfverbandes darf nicht Hauptstraße heißen. Das hat nämlich den Grund, weil in der Gemeinde Großpetersdorf mit den Ortsteilen Großpetersdorf, Kleinpetersdorf, Miedlingsdorf, Welgersdorf und Kleinzicken jede Straßenbezeichnung nur einmal vergeben werden darf. Und „Hauptstraße“ war da eben schon mal schnell vergriffen.

Die Suche nach geeigneten Straßenbezeichnungen erwies sich als eher sperrig, es gab eine Dorfversammlung, die eher spärlich besucht war und in der Tier- und Blumennamen gewälzt wurden. So kamen dann eben Lavendel und Falken zu ihren Ehren und auf Straßenschilder. Aber auch ein wenig Großstadtflair fand Einzug in die Provinz. So kann man sich das Flanieren auf gar teurem Pflaster in Wien und Salzburg sparen und beim Marsch durchs Dorf ein wenig Shopping-Feeling genießen.


Die Verkehrshauptadern sollten jedoch ganz besondere Namen erhalten. Eine Variante, der gemeinen Gemeinde und ihrem Willen, dem gemeinen Volk plötzlich Straßennamen aufzuzwingen, war, dass man Anleihen in der Hauptgemeinde, in der Bezirkshauptstadt, ja sogar in der Bundeshauptstadt nehmen wollte. Also, die Steinamangerer Straße in Großpetersdorf ja heißt so, weil sie nach Steinamanger bzw. Szombathely führt. In Oberwart gibt es die Wiener Straße, weil sie einen nach Wien geleitet. Und dort wiederum kennt man die Triester Straße, die ihren Namen deshalb hat, weil sie gen Süden direkt nach Triest weist. Die Mechanik der Straßenbenamsung ist also nicht an den Haaren herbeigezogen und – wie man sieht – weithin bewährt.

Deshalb schlugen verquere Köpfe vor, die Hauptstraße in Kleinpetersdorf in „Kleinzickener Straße“ umzubenennen, jene in Kleinzicken sollte „Kleinpetersdorfer Straße“ heißen. Eine einfache, nachvollziehbare und logische Sache also. Die Anschrift an der Durchzugsstraße in Kleinpetersdorf würde also diesem Muster folgen:
7503 Kleinpetersdorf
Kleinzickener Straße Nr. xx
In Kleinzicken gilt selbiges dementsprechend mit umgekehrten Ortbezeichnungen. Die Sache hätte Charme und würde dem Beamtenmoloch der Straßennamensbürokratiediktatur die lange Nase zeigen. Die einzigen, die da was dagegen haben könnten, wären die Mopedgriffe der Praktikanten von der Post, denn die würden keinen Sommer ohne Beißspuren überleben.
Aber aus unerfindlichen Gründen wurde dann dieser Gedanke doch nicht weiter verfolgt.

Es ging dann doch eher pragmatisch zu, schnell war man sich einig und wollte in einer etwas abgespeckten Variante von Völkervereinigung in Sachen Straßennamen auch eine emotionale Annäherung zur Geltung bringen.

Man muss nämlich wissen, dass Kleinpetersdorf und Kleinzicken erst in der jüngeren Geschichte zusammengewachsen sind. Auf dieser dieser mit 1821/1836 datierten Karte ist klar zu erkennen, dass die beiden Orte durchaus mehrere Steinwürfe voneinander entfernt waren. Und diese Trennung ist halt immer noch in den meisten Köpfen der hiesigen Bevölkerung tief und unverrückbar eingebrannt.

Schließlich gewann der Pragmatismus und man fand Gefallen daran, die Durchzugstraße in Kleinpetersdorf als „Obere Dorfstraße“ und in Kleinzicken als „Untere Dorfstraße“ zu bezeichnen. Hier muss erwähnt werden, dass „oben“ und „unten“ im Dorfverband als Orientierungsangaben dienen, „oben“ ist als nordwärts, „unten“ als südwärts zu verstehen. Alles schien seine Ordnung zu haben, alle waren zufrieden, alle fanden sich mit der Lösung ab, die ungeliebte, aufgezwungene Suche nach einer passenden Straßenbezeichnung hatte ihr Ende gefunden. Schien es zumindest.

In Kleinpetersdorf wollte man sich dann doch nicht mit dieser Obere-Untere-Verschränkung an Kleinzicken ketten und man entledigte sich einfach des „Obere“ in der Bezeichnung „Oberen Dorfstraße“. Möglich machte diesen Kniff ein Blick in die Landkarten, denn der offenbarte, dass es im ganzen Gemeindegebiet noch keine „Dorfstraße“ gab. Das unnötige Anhängsel „Obere“ war gar also nicht notwendig. Ha! Also weg damit! „Dorfstraße“ ist kürzer und klingt auch besser. Nur – das war dann das Bittere für Kleinzicken – war dies eben nur für einen Ort möglich, weil ja, wie wir wissen, im ganzen Gemeindegebiet jede Straßenbezeichnung nur einmal vergeben werden darf. Kleinzicken hat also jetzt den schwarzen Peter.

So heißt in Kleinpetersdorf die Durchzugsstraße also „Dorfstraße“ und in Kleinzicken „Untere Dorfstraße“. Andererseits: Kleinzicken ist um ein weiteres Kuriosum reicher. Denn mit der Frage: „Wo ist die „Obere Dorfstraße“ in Kleinzicken?“ umweht nun ein weiteres Mysterium den kleinen Ort im südlichen Burgenland. Böse Zungen behaupten ja, dass diese Straße in Großzicken zu finden sei.

Aber da müsste zuallererst Großzicken gefunden werden.

4 Kommentare zu „Where The Streets Have Now Names

  1. „Wegeblinddärmchen“, hihi 🙂

    Der Provinznationalismus ist ja der kleine Bruder des Kleingeistes, oder so ähnlich.

    Hübsche Erzählung aber!

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